![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Mittleres Merz Mikroskop um 1863. Das Instrument ist komplett aus zaponiertem, sowie schwarz und braun gebeiztem Messing, gebläutem und schwarz lackiertem Stahl gefertigt. Zur Beleuchtung dient ein großer Plan- und Konkavspiegel, der in seiner Höhe verstellt, sowie für schiefe Beleuchtung aus der Achse bewegt werden kann. Unter dem Tisch ist zur Regulierung eine Lochblendenrevolverscheibe angebracht.
Die Grobeinstellung erfolgt über eine Schiebehülse,
der Feinfokus wird mit Hilfe eines Rändelrads hinten unter der dreieckigen
Säule bedient.
Der schwarz lackierte Stahlfuß verfügt an der Unterseite über fünf kleine eingelassene Lederpolster, die zur gegenseitige Schonung von Instrument und Tischoberfläche dienen. Dem Benutzer zugewandt befindet sich am Tubus eine kleine Bohrung für das Entweichen der Luft aus dem solchen beim Einsetzen des Okulars. Das Instrument ist ausgestattet mit den Objektiven 1/3" und 1/12" sowie den Okularen 1, 2 und 3. Die Objektive werden in gedrehten Messingdosen aufbewahrt, wobei aus dem Deckel der Dosen ein Gewindebolzen herausragt, um die Optiken hier verschrauben zu können. |
![]() |
![]() |
![]() |
Diese Messingdosen tragen Gravuren, welche die
Vergrößerungen der einzelnen
Objektive bei Verwendung mit den entsprechenden Okularen wiedergeben: 60-
und 120- bzw. 240-, 480- und 720-fach. Jene Objektivdosen
späterer Mikroskope aus der
Werkstätte von G. & S. Merz sind weit günstiger hergestellt
und tiefgezogen statt gedreht.
Auf dem Tubus befindet sich die dekorative Signatur:
G. & S. Merz No. 840 Schön ausgeführt ist der kasettierte Holzkasten, in dem das Instrument ähnlich platzsparend einem Reisemikroskop verstaut wird. In diesem Kasten werden der Tubus und die Okulare in einem, die Objektive und Objektträger in einem anderen hölzernen Schieber seitlich untergebracht. Das eigentliche Mikroskopstativ wird durch eine weitere, teilweise samtbezogene Holzplatte im Kasten fixiert. Lediglich der Lederriemen, welcher um den Kasten ursprünglich als Tragegriff angebracht war, fehlt nun. Die Kastenoberseite zeigt an einer Ecke mit schwarzer Tinte die Seriennummer. |
![]() |
![]() |
![]() |
Der leicht veränderte Nachfolger dieses Stativs erscheint in der
Preisliste "G. & S. Merz, vormals Utzschneider & Fraunhofer, in
München" aus dem Jahre 1866 als:
A. Complete Mikroskope. [...]
Mikroskop No.4 mit Stativ No.2, vertical und horizontal feststehender
Tisch, grobe und feine Bewegung am Tubus, Beleuchtung in und ausser der Axe,
Doppelspiegel, ohne Lupe für opace Gegenstände. |
Der am 26. Januar 1793 in Bichl bei Benediktbeuren geborene Georg Merz besucht zunächst die Schule im benachbarten Stift und hilft seinem Vater, einem Leinweber, auf dem Felde in der Landwirtschaft. Als Utzschneider in Benediktbeuren eine Fabrik zur Herstellung von Flint- und Crownglas für sein optisches Institut errichtet, tritt Merz dort 1808 als Arbeiter ein. Angeregt von einem der Padres des mittlerweile säkularisierten Klosters studiert Merz in seiner freien Zeit mit großem Eifer Mathematik und Optik. Fraunhofer erkennt die außerordentliche Begabung des jungen Arbeiters und ernennt ihn zum Werkführer.
| Mit dem Tode Fraunhofers übernimmt Merz 1826 die Geschäftsleitung
und wird zum Direktor der optischen Abteilung. Zusammen mit dem Mechaniker
Franz Joseph Mahler wird er 1830 Teilhaber und 1839 Eigentümer des
Instituts. Nach dem Tode Mahlers 1845 führt Georg Merz das Institut
weiter unter Mitarbeit seiner Söhne Siegmund (1824 - 1908) und Ludwig
(1817 - 1858). Seit ca. 1858 übernimmt G. & S. Merz im Mikroskopbau
auch das von Oberhäuser vorgegebene und vielfach nachgeahmte Hufeisenstativ.
Das Institut wird nach München verlegt und die Signatur lautete "G.
Merz & Söhne in München".
Ludwig Merz stirbt 1858 mit 41 Jahren an Bleivergiftung, die er sich bei der Flintglasherstellung in Benediktbeuren zuzieht. Danach firmiert das Institut mit: "G & S Merz in München". |
![]() |
![]() |
1865 erreichen Mikroskope von Merz zusammen mit Instrumenten von Hartnack ein in jener Zeit unübertroffenes Auflösungsvermögen. Georg Merz stirbt am 12. Januar 1867.
Nun
ist Sigmund alleiniger Inhaber des Institutes. Im Jahr 1871 hat das Unternehmen
63 Beschäftigte und signiert "G. & S. Merz (vormals Utzschneider
& Fraunhofer) in München". 1883 übergibt Sigmund Merz
die Münchner Werkstätte an seinen langjährigen Gehilfen und
Vetter Jakob Merz (1833 - 1906), dieser verkauft die traditionsreiche Firma
am 5. Oktober 1903 an Paul Zschokke (1853 - 1932).
Da es unter Fraunhofers Federführung in Bediktbeuren und München gelungen ist, achromatische Linsenkombinationen zu erstellen, erlangt das Unternehmen rasch Weltrang. Das Wissen bleibt in der Firma und unter Merz führt sie noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Bau großer Refraktoren für die Sternwarten Europas. Mikroskope sind, wie schon unter Fraunhofers Leitung, von eher untergeordneter Bedeutung und daher recht selten. Das optische Glas wird stets nur für den Bedarf der Werkstätte in der eigenen Glashütte geschmolzen und nicht als Rohstoff an andere Firmen verkauft.
[Vergleiche: Mikroskopsammlung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bern: Mikroskop "G. & S. Merz in München No. 846", Inv.-Nr. 2007 und mit leicht modifiziertem Stativ und Kasten ebenda Mikroskop "G. & S. Merz in München No. 1051", Inv.-Nr. 2043; Medizinhistorische Sammlung der Universität Zürich: Mikroskop "G. & S. Merz in München No. 948"; Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum Wien: "Zusammengesetztes Mikroskop um 1860 / Signatur: G. & S. Merz in München", Museal-Nr. 25.190; Instituto e Museo di Storia della Scienza, Firenze (Florenz): "Microscopio composto" G. & S. Merz in München No 784, c. 1870, Inventario corrente: 3327 sowie "Microscopio composto" G. & S. Merz in München No 752, Inventario corrente: 3266]
(Vermittlung des Mikroskops mit freundschaftlicher Unterstützung von Simon Weber-Unger, Wien im Februar 2004)
(Referenz 1, 2, 9, 12, 13, 14, 15, 17, 25, 56, 64, 73, 88
)
| home | Mikroskopie | Spektroskopie | Varia |
© 2004 - 2008 by Timo Mappes, Germany